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Gedenken an die Opfer von Hanau

Zum Gedenken an die Opfer von Hanau hielt Lena Saniye Güngör eine Rede vor der Jungen Gemeinde.

Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin.

Wir alle stehen heute ihretwegen hier. In Gedenken an sie und solidarisch mit ihren Hinterbliebenen. Sie wurden erschossen, weil ein Mensch sie als fremd, als nicht-deutsch betrachtet, rassifiziert und verachtet hat. Keiner dieser neun Menschen war fremd. Sie waren genau dort, wo sie hingehörten.

Aber keiner von ihnen passte in das Weltbild eines Täters, der Verschwörungsnarrativen und rechtsextremer Ideologie anhing. Dessen offener Rassismus im Internet nachzulesen war. Dessen Tat über Monate geplant wurde und deren Pläne er Tage zuvor auf seiner eigenen Internetseite veröffentlichte. Die Taten enden mit dem Mord an seiner eigenen Mutter und seinem Selbstmord.

Das rechtsterroristische Attentat von Hanau hat für Trauer und Wut gesorgt. Aufklärung und Schutz wurden versprochen. Doch erneut zeigt sich, dass diese Versprechen nicht eingelöst wurden. Im Gegenteil.

Wir sind heute auch hier, weil nach einem Jahr noch immer mehr Fragen als Antworten da sind. Fragen, die längst hätten geklärt werden müssen.

Wie kann es sein, dass ein vorbestrafter Mann mit attestierten psychischen Erkrankungen, der offen rassistisch ist, einen Waffenschein erhalten, verlängern und auf das europäische Gebiet ausweiten kann?

Wie kann es sein, dass er mit seinem eigenen Auto von Tatort zu Tatort fahren konnte, ohne aufgehalten zu werden, obwohl sein Nummernschild durchgegeben worden war?

Wie kann es sein, dass die Polizei in dieser Nacht nicht erreichbar gewesen ist?

Wie kann es sein, dass der Notausgang der Sishabar, der Leben hätte retten können, in jener Nacht verschlossen war?

Wie kann es sein, dass die Rolle des Vaters des Täters nicht aufgeklärt ist? Dass die Bedrohung, die von ihm ausgeht, nicht ernst genommen wurde?

Wie kann es sein, dass die Überlebenden und Hinterbliebenen gesagt bekommen, sie sollen keine Rache üben, statt sie zu schützen und zu betreuen?

Wie kann es sein, dass sich niemand entschuldigt hat?

Fragen, die die Ermittlungen treiben sollten. Doch die Ermittlungen im Fall Hanau sind voller Schritte, die hätten passieren sollen und nicht passiert sind. Bei alldem von menschlichem Versagen und behördlichen Ermittlungsfehlern zu sprechen, greift zu kurz. Das Problem heißt Rassismus. Nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern besonders auch in unseren Systemen.

Ich möchte gerne einige persönliche Erinnerungen mit euch teilen. Vor einem Jahr haben wir unsere Vorstandssitzung der Rosa Luxemburg Stiftung auf die Straße verlegt, um zu Gedenken.

Ich weiß noch wie wir auf dem Weg Menschen begegnet sind, die Karneval gefeiert haben. Ihre betrunkene kostümierte Fröhlichkeit hat mich so wütend gemacht, weil dadurch klar war: Hanau war für sie nur eine Schlagzeile, die Gefahr galt nicht ihnen. Solche Situationen zeigen immer wieder: Unser Schmerz ist für sie nicht sichtbar.

Ich bin am Tag darauf nach Berlin gefahren und hab meine Familie getroffen und es tat so gut einfach nur im vertrauten Kreuzberg beieinander zu sein und sich sicher zu fühlen.

Ich bin mit Angst zurück nach Jena gefahren. Der Hashtag Hanau ist überall bedeutet für mich nicht nur, dass heute überall Menschen solidarisch auf der Straße stehen, sondern auch, dass der Rassismus in den Köpfen von Tätern, von der Mehrheitsgesellschaft, vom Staat überall zuschlagen kann.

Dass es überall wieder passieren kann, weil diese Tat sich in Kontinuitäten einreiht.

Nach jeder dieser rechtsterroristischen Taten häufen sich Aussagen wie „So etwas darf nicht wieder passieren“, „Wir müssen uns entschieden gegen Rassismus einsetzen“ „Alle Menschen in unserem Land sollen sich sicher fühlen können“. Aber es bringt nichts das nur zu sagen.

Darum lasst uns weiterkämpfen, weiter Druck ausüben, weiter die Erinnerung an die Ermordeten hochhalten. Damit endlich alle Fragen beantwortet werden. Damit endlich Taten auf Worte folgen.

In tiefem Respekt vor den Überlebenden des rechtsterroristischen Anschlags und den Angehörigen der Opfer, die seit einem Jahr kämpfen, fordern wir gemeinsam mit Ihnen:

Erinnerung! Gerechtigkeit! Aufklärung! Konsequenzen!