Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen
Anlässlich seines 75. Todestages erinnert Torsten Wolf an den Jenaer Antifaschisten

Gedenken an Magnus Poser

Anlässlich seines 75. Todestages erinnert Torsten Wolf (MdL) an den Jenaer Antifaschisten:

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen,

wir gedenken heute mit Magnus Poser einem mutigen Antifaschisten, einem Menschen der nicht den einfachen Weg der Anpassung und Duldung von Unrecht und Ungerechtigkeit ging, sondern der in all seinen Lebensbereichen, privat-beruflich-politisch, konsequent den Weg eines aufrechten Kommunisten ging, zugleich ein „Freigeist war“, wie Willy Schilling feststellt, der „die Welt nicht nur ideologisch betrachtete, sondern sich gern und vertieft mit naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen beschäftigte“.

Magnus Poser wurde am 26.Januar 1907 in Jena geboren. Nach seiner Schulzeit in der Ostschule, sein Elternhaus stand in der Karl-Liebknecht-Straße, absolvierte er eine Tischlerlehre, war bei verschiedenen Firmen tätig, längstens bei der Firma Carl Zeiss.

Politisch engagierte sich Poser im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands, bei den Naturfreunden und im Freidenkerverband. Prägend war sein Aufenthalt in der Sowjetunion im Jahr 1927. Jung und idealistisch wie er war, sah er nicht die inneren Widersprüche des ersten sozialistischen Staates, sondern nahm sein positives Bild über die Sowjetrepublik mit in seine politische Arbeit, als er wieder in Jena war. Hier in Thüringen regierten die Nationalsozialisten erstmalig ab 1930 mit, ab 1932 stellten sie mit dem Kriegsverbrecher Fritz Sauckel einen der           wichtigsten Ministerposten. Dieser verkündete im Landtag, dass die NSDAP „in jeder Beziehung“ ihre Macht nutzen werde, was dann auch geschah und uns heute auf die bevorstehenden Landtagswahlen ein Warnzeichen sein sollte. Magnus Poser und seine spätere Frau Lydia, welche ihn in die Strukturen der kommunistischen Partei stärker einzubinden vermochte, engagierte sich in dieser Zeit stark in den Wahlkämpfen, Schulungsveranstaltungen. Mit seinem organisatorischen Geschick konnte er als Verantwortlicher für den Bereich „Propaganda, Agitation und Sicherheitsfragen“ in Jena wichtige Dienste leisten. Magnus Poser wurde, ebenso wie Lydia, im November 1933 verhaftet und zu mehr als zwei Jahren Haft wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. In der Haft war er weiterhin für seine Genossen aktiv.

Nach seiner Entlassung heirateten Magnus und Lydia, arbeiteten und lebten in Jena. Er baute maßgeblich trotz scharfer Beobachtung und obwohl er sich des Risikos für sich und seine Familie bewusst war, Untergrund-Widerstandsgruppen auf, brachte Flugblätter heraus, auch in der Sprache der Kriegsgefangenen und baute mit anderen, u.a. Theodor Neubauer, ein Netz von Widerstandsgruppen auf und aus. Er war dabei Denker und Motor, hielt Kontakt zu verschiedenen Menschen und Gruppierungen des Widerstandes. Seine Kontakte reichten über den kommunistischen Widerstand hinaus, über kirchliche Kreise hin zu den Kreisauer Kreis und dem militärischen Widerstand um Staufenberg, dessen Fanal sich gestern ebenso zum 75. Mal jährte.

Magnus Poser´s Leben endete am 21.Juli 1944, heute vor 75 Jahren. Von Kugeln der Gestapo durchsiebt, nachdem er von der Gestapo verhaftet und verhört wurde. Seine Frau Lydia konnte nach ihrer Entlassung aus Gestapo-Haft viele Widerständler warnen. Sie war und blieb eine mutige Antifaschistin, welche nach dem Krieg unter anderem als Bürgermeisterin Jenas und spätere Ehrenbürgerin der Stadt geehrt wurde. Das ihr vom Stadtrat 1991 die Ehrenbürger-Würde wieder aberkannt wurde zeugt von einem geschichtsrevisionistischen Verständnis der Nachwendezeit.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin 1968 geboren. Viele derjenigen Menschen, die aktive Erinnerungen an die Zeit in der in Deutschland und Europa das Regime der Nationalsozialisten Menschen auf Grund ihrer Religion, ihrer Überzeugung, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung oder einfach nur deswegen weil sie humanistische Ansichten hatten ausgrenzten, verfolgten, entrechteten, inhaftierten und ermordeten, viele dieser „Zeitzeugen“ gibt es nicht mehr bzw. diese werden in den nächsten Jahren uns Nachgeborenen nicht mehr zur Verfügung stehen. Wir alle, nicht nur wir die sich hier und heute auf dem Nordfriedhof in Gedenken an Magnus Poser versammelt haben, alle Menschen mit einer antifaschistischen Überzeugung stehen in Verantwortung, nie wieder eine Gesellschaft und politische Ordnung zuzulassen, wie sie Magnus Poser mit Leidenschaft und Selbsthingabe bekämpfte. Seitens der Landesregierung und den Regierungsfraktionen im Thüringer Landtag wurden in den letzten Jahren mittels Gesetzen, Anträgen, die Arbeit in der Enquete-Kommission und dem Untersuchungsausschuss zur parlamentarischen Aufarbeitung der NSU-Morde die           Weichen gestellt, dieser Verantwortung auch gerecht zu werden. Wir taten dies auch in Gedenken und der Verpflichtung Magnus Posers, nie wieder faschistische Strukturen zuzulassen und Nazismus, in welcher blauen oder braunen Farbwahl auch immer, engagiert entgegenzutreten als Politik und Zivilgesellschaft.

Magnus Poser gab sein Leben für seine Genossen, seine Kameraden und sein Glauben an eine bessere Welt. Eine Welt ohne Nazismus, Nationalismus, eine gerechte Welt. Hat sich sein Traum erfüllt?

Heute wissen wir, nichts ist selbstverständlich, was uns als gesichert galt. Das lange sicher geglaubtes demokratisches Tafelsilber wie Pluralismus, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, wird durch die neue und alte Rechte ausgehöhlt und in Frage gestellt.

Ob es offener Antisemitismus eines Victor Orban in Ungarn ist oder der offene Bruch mit rechtsstaatlichen und demokratischen Prinzipien durch die PIS-Partei in Polen, selbst in Österreich ist Korruption und das Angreifen der Pressefreiheit ein geduldetes Staatsprinzip, wenn es dem Machterhalt der Konservativen dient. Und die Institutionen wie die EU sehen zu und heben bestenfalls mal mahnend den Finger gegenüber den neuen Rechten. Dass sich die Anhänger der offen nationalistisch und rassistisch auftretenden Vertreter der AfD durch solch ein Verhalten nicht in Frage gestellt fühlen, ist nachvollziehbar. Wenn ein Präsident Trump gewählten Kongress-Abgeordneten nahelegt, sie sollen Amerika verlassen, dann sehe ich das in einer Linie zu antisemitischen Parolen des frühen Nationalsozialismus und Parolen die in Chemnitz unter Führung eines Björn Höcke skandiert wurden („Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.“), um anschließend in der Stadt Jagd zu machen auf Menschen.

Und die neue und alte Rechte skandiert nicht nur und tritt offen aggressiv auf. Seit mehr als 30 Jahren zieht sich eine rechtsradikale Blutspur quer durch unser Land. Vor wenigen Wochen wurde ein aktiver Politiker in Nordhessen von einem Rechtsradikalen eiskalt über den Haufen geschossen, weil er offen zu seiner humanistisch-christlichen Haltung gegenüber MigrantInnen gestanden ist. Und das alles nach offenem Hass, Anfeindungen und Drohungen in den sozialen Netzwerken.

Demokratie und Freiheit müssen nicht nur wehrhaft sein. Wir brauchen auch klare Bekenntnisse zu demokratischen Werten. Nicht nur seitens der Vertreter des Staates. Auch in Vereinen, bei den Kollegen und Kolleginnen auf Arbeit, im Alltag bei unseren Nachbarn und Gartenfreunden braucht es bekennende Demokraten, wie damals Magnus Poser. Und wir brauchen Möglichkeiten, den durch die sozialen Medien verbreiteten Hass und Hetze zu begegnen. Ausgrenzung und Hass durch Worte sind immer Vorläufer für Verfolgung bis hin zum Mord.

Lassen Sie uns heute Magnus und Lydia Poser gedenken und zusammen jeden Tag wie in Themar, gestern in Kassel und Halle und im Alltag uns faschistischen, xenophoben und antidemokratischen Einstellungen und politischen Vertretern entgegenstellen.